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Freitag, 2. Mai 2014

Sendepause

Für eine Weile passiert hier nix weiter auf diesem Blog.
Wer aber weiter meine Geschichten, Gedichte, Rezensionen, Nur-so-Textchen und Fotos finden will, kann das

H I E R

tun. Ich bin nur umgezogen, ansonsten immer noch dieselbe ....

Freitag, 25. April 2014

Frank Göhre






Frank Göhre, So läuft das nicht, Roman, Aisthesis Verlag, Bielefeld, 2014, Hrsg.: Walter Gödden, S.183, 12, 80 Euro

Das Ruhrgebiet in der Mitte der 1970er Jahre, als es noch von Kohle und Industrie geprägt war. Jens, Antje, Jule, Otto, Rita, Carsten, Bernadette, Hugo, Fred, Petra und Charly sind eine Clique, junge Leute, die erwachsen werden müssen. Was sie eint, ist das Viertel, aus dem sie stammen, die Jugend und der Zeitgeist. Was sie trennt, ist ihre jeweilige Herkunft, sind die Ressourcen und Beschränkungen in ihren Familien. Nichts Spektakuläres passiert. Erwachsen müssen schließlich alle Leute werden. 

Das Bemerkenswerte an diesem frühen Roman von Frank Göhre ist die Atmosphäre, das Lebensgefühl dieser Zeit und seine Textur. In reportageartigen Versatzstücken und in ihrem eigenen Jargon stellen die Protagonisten (jeder bekommt seinen Raum) die typischen Fragen der Aldoleszenz: Was fange ich an mit diesem Leben? Was sind meine Fähigkeiten? Was kann ich bewegen in der Welt? Wer bin ich überhaupt, wenn ich ICH und nicht mehr ICH in der Familie bin? Wie viel Freiheit kann ich mir nehmen? Welchen Zwängen muss ich mich unterwerfen? Und wie krieg ich das alles auf die Kette?

Die Alten schlagen sich durch, noch sind sie hungrig nach Wohlstand und Konsum. Das Wachstum stagniert an der Ölkrise, die Arbeitslosigkeit steigt. Die ersten Gentrifizierungsmaßnahmen bedrohen das Viertel und das Leben der Menschen dort. Fred setzt die väterliche Tradition des Arbeiterprotestes fort und muss sich fragen lassen, wen er dafür opfern will. Jens geht zum Bund, weil der gelernte Koch kein Bein an die Erde kriegt, bei Antje nicht und auch sonst nicht, macht sich zum Außenseiter und Versorgungsbedürftigen. Jule wird eingesperrt von ihrem Alten, Bernadette von der Clique wegen ihrer bildungsbürgerlichen Herkunft abgelehnt ... Aber man ist jung. Es gibt wilde Autofahrten durch die Nacht, Feten, Liebe, Trennung, die Roling Stones, die Kneipe und die Suche.

Was diesen Roman heute zu einem Lesevergnügen macht, ist, dass er sich durch seine unorthodoxe, popkulturelle Erzählform, die eine eigene Intensität erzeugt, auszeichnet, sind die genauen Beobachtungen und die realitätsverhafteten Charaktere. Ein Glück, dass Walter Gödde ihn neu herausgegeben hat. Sein Nachwort ordnet ihn in das Gesamtwerk Frank Göhres ein und lässt den Autor selbst zu Wort kommen.

So richtig gut geht der Roman nicht aus. Wie könnte auch? Das Leben der jungen Leute fängt ja gerade erst an. Aber er endet mit: „ ... und sie gingen raus, gemeinsam, das war wichtig, jetzt und überhaupt.“


Montag, 14. April 2014

Neues zu "Es gibt keine Toten"


Heute ganz frisch  ein Interview zum Buch: frauenkrimis.net


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Neu eingerichtet eine Lovelybooks - Leserunde

Wer Lust hat, kann eines von 10 Büchern gewinnen und mitmachen!
Ich freu mich schon auf Euer Feedback und den Austausch mit Euch.




Sonntag, 6. April 2014

Vom Lesen - und Laufenlernen






Irgendwie haben alle, die ich kenne, schon mit drei Goethes Faust, Bukowskis Gesamtwerk und Sokrates in der Muttersprache gelesen.
Ich nich. Ich hab überhaupt nich gelesen, zumindest nicht viel. Lange nicht. Ich fand Bücher blöd, weil da keine Bilder drin waren. Wie kann man etwas verstehen ohne Bilder? Außerdem fand ich sie langweilig.
Trompeterbücher hießen die kleinen A5-Dinger für Kinder, damals im Osten, mit Geschichten, die mich aufs Leben vorbereiten sollten. Ich habe das Anliegen durchschaut!
Alte, abgegriffene Märchenbücher mochte ich, der Bilder wegen. Fraktur zu entziffern hatte ich keine Lust und ließ sie mir vorlesen. Ich fand die Märchen ziemlich gemein. Grausam, die Königin in glühende Schuhe zu stecken, bis sie sich zu Tode tanzte, egal was sie getan hat. Oder die Hexe in den Ofen zu stoßen - schrecklich. Über Andersens Märchen dachte ich nach (ich hatte schon früh eine Grübelneigung), draußen, hinter dem Hühnerstall meiner Freundin gleich neben den Stachelbeerbüschen.
Ich war überhaupt viel draußen. Drinnen war nämlich kein Platz. Zweieinhalb Zimmer für Mutter, Vater, Großmutter, Bruder und mich. Außerdem okkupierte ein mächtiger, schwarz gebeizter Bücherschrank das Wohnzimmer, geschnitzte Monster und florale Elemente an den Seiten, in der Mitte Glas, dahinter Goethe, Schiller, Heine, Hebbel, Hegel (etwas H-lastig, sehe ich gerade), Kant und was weiß ich – in Leder mit Goldschnitt. Zum Angucken. Auch mal zum Anfassen. Diese Bücher waren für mich der Inbegriff von Buch. Sie rochen nach Leder, Staub und Ehrfurcht. Hinter den geschlossenen, wurzelholzfurnierten Schranktüren befanden sich Taschenbücher, Romanzeitschriften und Fachbücher bunt durcheinander. Die Krimis aus der KOMPASS- und der BLAULICHT-Reihe stapelte mein Vater neben dem Nachtschrank und las sie, wenn nicht heimlich, so doch in dem Bewusstsein, dass sie nicht zu der Vorstellung von Literatur passten, wie sie in unserem Haushalt galt.

Mit ungefähr zwölf hab ich mich durch die griechischen Götter- und Heldensagen, durch das Nibelungenlied und Parzival genagt. Fand ich irgendwie ganz schön. Fix und Fax hätte ich auch gerne gelesen, aber Kindermäusecomics waren verpönt.
Und klar, las ich auch in der Schule, furchbares Zeug zum Teil, an das ich nicht erinnert werden möchte. Auf der Penne dann so manches unter der Hand.

Meine Leseinitiation allerdings fand mit 17 statt. Ich lernte Steffen kennen. Er war 23, studierte Philosophie, lebte in zwei Zimmern unterm Dach mit knarrenden Dielen, einer toleranten Wirtin und einer Armada von Büchern. Er machte sich ein bisschen lustig über mich und mein Nicht-Lesen. Ich liebte ihn und wir schliefen ein paar Mal zusammen, während ich mich durch den verdeckten Teil des Bücherschranks las. Stendal, Böll, Moravia, Borchert, Camus, Frisch ... Bei der Gelegenheit lernte ich meine Mutter kennen. (Also ich kannte sie schon vorher, nur neu.)
Steffen kam mir irgendwann abhanden. Ich kann mich nicht genau erinnern, wie es passiert ist. Jedenfalls war er weg und hat mir die Lust des Lesens dagelassen. Der Hühnerstall meiner Freundin, die Stachelbeerbüsche und die endlosen Sommernachmittage am Feldrain hatten an Attraktion eingebüßt und etwas musste man ja tun.

In den ersten Semesterferien traf ich den Mann, den ich vorübergehend heirateten sollte. Er war Drucker. Alle seine Freunde waren Drucker. Manchen von ihnen begegnete ich in der Klinik auf der Traumatologischen. Ablederungen an Armen oder Beinen, Splitterbrüche, danach Amputationen. Die gigantischen Offset-Mühlen verputzen einiges an Gesundheit. Aber auch die Buchdruck-Schätzchen, die sich über den ersten und zweiten Weltkrieg gerettet hatten und nicht als Reparationsmasse nach Osten geflossen waren, forderten Finger und Hände. Ich lernte, dass Buchbinderin als Schimpfwort gebraucht wurde. Sah die Frauen um einen Tisch herum laufen und die Blätter für den Buchblock einsammeln, den die Schneidemaschine dann (manchmal samt Fingern) guillotinierte. Büchermachen war ein riskantes Geschäft. Wir lasen trotzdem. Die Existenzialisten und Surrealisten mit Begeisterung und Spaß. Die Drucker bekamen Frauen, die Frauen bekamen Kinder, und wir trafen uns weiter, eine Weile zumindest ... Bücher, Partys mit Mann und Maus, Mangel und Gemeinschaft. Eine Weile zumindest.
Ein paar Jahre lang hab ich viel Mist gelesen. Der kam mir gerade recht nach Wochen mit Klinikdiensten, Kinderkümmern und verpasstem Leben.

Inzwischen lese ich mit Begeisterung eBooks. Meist nutze ich das Smartphone dafür. Es gibt wunderbare neue E-Book-Verlage mit tollen engagierten Leuten, die spannende Texte außerhalb des Mainstream verlegen (hier und hier z.B.). Ob digital oder Print – der Text hat für mich Vorrang. (Vermutlich sind die Arbeitsschutzstandards in den Druckereien erhöht worden, trotzdem haftet die Erinnerung.) Und es gibt jede Menge großartige Literatur. Man muss ein wenig suchen. Ich darf jede Sorte von Literatur, auch Kriminalliteratur, in unserem Haushalt öffentlich lesen. (Ich dürfte sogar Mickey Mouse, wenn ich wollte.) Ich kann nachdenken, mich aufregen, mich freuen und schreiben darüber.

Das Älterwerden hat auch seine Vorzüge. Die Kinder sind groß genug. Die Arbeit ist strukturiert und plötzlich entsteht Zeit zum ... Lesen & Lernen.
Ist das nicht wunderbar?


   

Mittwoch, 2. April 2014

Martin Schöne



Martin Schöne, Wolf hetzt die Meute, Kriminalroman, Pendragon Verlag, Bielefeld, 2014, S.352, 12,99 Euro




Sie da! Ja, Sie!
Lesen da mal rein! Schon der Bildung wegen. Es erwarten Sie nützliche Tipps, wie Sie z.B. eine fremde Wohnung effizient durchsuchen oder einen Schlagstockangriff elegant abwehren. Aber auch falls Sie das schon können, wird Wolf, der Ex-Zielfahnder und Privatier, Sie ansprechen. Nämlich direkt.
Und er fackelt nicht lange, sondern kommt direkt auf den Punkt.
Sein Ziehsohn Philip wird vermisst, wie schon dessen Vater und Wolfs Freund Peter 24 Jahre zuvor. Lange und mit allen Mitteln hatte Wolf so intensiv wie erfolglos nach dem Freund gesucht. Peter verschwand in der Nacht des Mauerfalls und tauchte nie wieder auf. Wolf glaubt, seiner unerfüllten Liebe Anke, Philips Mutter, etwas schuldig zu sein. Er reist von seinem Exil in Malta zurück nach Berlin, klinkt sich in Philips Job als Wachmann in einer Sicherheitsfirma, die sich „Heimat“ nennt, ein und bewacht den DDR, den Dritten Deutschen Rundfunk (!). Das Gebäude ist ein kleeblattförmiges Monstrum mit fünf Untergeschossen, einige davon ungenutzt und heruntergekommen in ödem DDR-Design samt Stasi-Vergangenheit.
Weitere Mitarbeiter des DDR sind seit Monaten verschwunden, wie sich zeigt. Die Stadt will Personal abbauen und letztlich die Schließung des Senders erzwingen. Niemand berichtet über die Vermissten.
Wolf ermittelt under cover in der „Heimat“-Truppe, er entdeckt einen Schemen im Untergrund, getrocknetes Blut und verschlossene Türen ...

Man könnte meinen, es handele sich um einen von den bis zum Gähnen durchdeklinierten Serienkillerblödsinnsromanen. Aber so ist es nicht.  Wolf ist ein Typ. Arrogant, gewitzt, idiotisch, verletzlich, risikobereit, schlau, analytisch, feige und gefühlslegasthenisch. Irgendwas zwischen James Bond, Phillip Marlow und Merlin. Rasant entwickelt Martin Schöne seinen ersten Roman, an manchen Stellen noch ein wenig plakativ, okay. Aber die Satire auf Verschwörungstheorie- und Serienkillertrashliteratur ist gelungen. Auch das Fernsehen bekommt sein Fett weg, und zwar von einem Insider, denn Martin Schöne ist als Redakteur bei 3sat Kulturzeit tätig.
Wunderbar persifliert ist auch die DDR-Nostalgie, ohne zu übersehen, dass die Menschen die einst unter diktatorischen Bedingungen lebten, immer noch da sind, sich neu bestimmen, neu arrangieren, neu orientieren oder ihre festgezurrten Überzeugungen verbergen mussten bzw. müssen.

Blutig, unernst und hammerhart ist der Roman ein großer Spaß für Jungs. Und für Mädels, die Jungsspielzeug mögen. Aber er erzählt auch von Bindung und Freundschaft, und von der Angst vor der Liebe.




Dienstag, 18. März 2014

Sophie Sumburane




Sophie Sumburane, Gefährlicher Frühling, Kriminalroman, Pendragon Verlag Bielefeld, 2014, S.280, 12,99 Euro



Tunesien 2010. Eine von Ungerechtigkeit, Einschüchterung und ökonomischen Verwerfungen aufgeheizte Situation braucht einen Funken, damit sie in Gewalt kippt. Die Selbstverbrennung eines jungen Mannes ist dieser Funke, der den „arabischen Frühling“ entzündet. Mit dieser auf Realität beruhenden Episode beginnt der Roman.

Leipzig, 2013. Die Chefin des Ingenieurbüros WesTex wird erschossen, hingerichtet. Charlotte Petzold muss sich von ihrer Kollegin trennen und mit dem Frischling Mario ermitteln, denn eine Beziehungstat, in die die Freundin verwickelt sein könnte, scheint möglich. Charlotte erzählt von sich selbst. Nur gibt es da in Leipzig noch ein Ich, eines, das hasst, eines, das sich quält, ein unbenanntes, flüchtiges Ich.

Ägypten 2011. Ein Mann wird in einem Polizeikeller zu Tode gefoltert.

Leipzig 2013. Mohamad Hassan ist verschwunden. Bei WesTex gefeuert und dann verschwunden. Also: „Der böse Moslem war es. Im Zweifel der Moslem.“
Aber ...

Mohamad Hassan ist kein Mensch, kein Name eines Einzelnen. Er ist ein Begriff, eine Berufsbezeichnung. Mohamad Hassan ist der Folterknecht, wie Sam der Butler ist.
Sophie Sumburane erzählt, wie aus einem Menschen ein Mohamad Hassan werden kann. Dunkle, verwitterte, blutdurchtränkte Szenen, die seltsam nackt und blank anmuten. Doch der Mann ist nicht nur Folterknecht. Er ist Sohn und Geliebter, Fühlloser und Ängstlicher, Hassender und Hoffender. Auch. Und keiner von den vielen weiß von dem anderen.
Ganz großartig, stark und plausibel entwickelt die Autorin die Psychopathogenese eines Harmlosen zu einem Täter, unter Gewaltbedingungen.

Und was hat der Tod einer Frau im friedlichen Leipzig damit zu tun? Charlotte Petzold findet Waffen, oder vielmehr Bilder davon, in den Akten von WesTex. Plötzlich geschieht ein weiterer, unerwarteter, unerhörter Mord in ihrer näheren Umgebung ...

Charlotte ist eine ganz normale Frau mit Heuschnupfen, einem regelrechten Feierabend und einer Familie, die ihr Kraft gibt. Bezaubernd, die Liebe zu ihren Kindern und tückisch, die Angst um sie. Sie ermittelt sich durch die spärlichen Hinweise, während die Autorin nicht völlig ohne Klischees auskommt, aber auch mit ihnen spielt und mit unseren fernsehgeprägten Vorstellungen von Polizeiarbeit.

Doch die arabischen Bilder haben eine weit höhere Intensität. Grell, blutig, schwarz und wüstenstaubig. Wie Granatsplitter dringen sie einem unter die Haut. Sie sind die absolute Stärke des Romans.
Die beiden Handlungsstränge laufen raumzeitlich aufeinander zu, unterbrechen sich, finden sich am Schluss zu keinem Ende, keinem endgültigen. Wie könnte auch? Geschichten haben ein Ende, die Geschichte hat keins, zumindest kein absehbares.

„Gefährlicher Frühling“ ist der zweite Kriminalroman aus Sophie Sumburanes Hand. An manchen Stellen leicht wie ein Aquarell, an anderen naiv, romantisch, grotesk. Ein Roman aus Kellerbildern mit hellen Flecken. Auf ihren nächsten darf man gespannt sein.  



Samstag, 8. März 2014

Stephan Kaluza



Stephan Kaluza, 30 Keller, Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 2014, S. 127, 17,90 Euro



Meisner ist Multimilliardär. Kurz vor Weihnachten wird er von seinem Maybach am Genfer See entlang zu seiner Multimilliardärsvilla geschaukelt. Meisner ist naturgemäß einer, der alles hat. Neben den Dingen, hat er eine Ehefrau, die er erschlagen möchte und überhaupt noch nie leiden konnte, ebenso wie seinen Chauffeur und diverse andere Leute. Er ist ein Misanthrop wie Scrooge aus Dickens‘ Weihnachtsgeschichte, nur nicht so geizig, zumindest sich selbst gegenüber nicht. Im Wagen denkt er einen Moment darüber nach, ob er nicht seine alte Liebe - 50 Jahre hat er sie nicht gesehen – anrufen sollte, denn am Folgetag wird er sich einer Operation unterziehen müssen, nichts Schlimmes eigentlich, heißt es. Doch das bedrohliche Wort „Krebs“ lauert. In der rundum gesicherten Villa angekommen, wird er gepackt und ...
findet sich in einem Keller wieder.

Sein Entführer, der sich Ronaldo nennt (Fußballer ist er nicht), lässt es ihm an nichts fehlen. Lieblingsspeisen, Lieblingsmusik, Lieblingszigarren. Er weiß alles, also ALLES über Meisner. Und erpresst ihn um irre 10 Milliarden, das Back Budget des Konzerns, das für „Notfälle“, wie Korruption z.B., vorgesehen ist. In den Tagen darauf lernt Meisner in Gegenwart des stilvollendeten Ronaldo die Ohnmacht kennen. Gespräche verweben sich mit Träumen, mit Erinnerungen, mit ... Raum und Zeit verschwimmen.
Wozu braucht der smarte Ronaldo die Milliarden? Er ist nicht einfach ein krimineller Typ oder etwa ein Terrorist mit nachvollziehbaren egoistischen Zielen, auch mit altruistischen nicht. Er ist ein Prinzip, ein System, der Gegenentwurf zum Mehrwert, er ist das Scheitern. Ausgestattet mit der universellen Macht des Scheiterns, strebt er Zerstörung an. Damit rangiert er außerhalb von Meisners Vorstellungswelt. „Teufel“ nennt er den Kidnapper einmal und bezeichnet die Unmöglichkeit, die Destruktion als Option zu Ende zu denken.
Unter den zugegeben luxuriösen Haftbedingungen bleibt Meisner eine Wandlung nicht völlig erspart. Immerhin erinnert er sich. Daran, dass er nicht von jeher und ausschließlich der Mistkerl war, zu dem er sich gemacht hat. Irgendwann einmal hat er geliebt. Allerdings war diese Liebe ein Meilenstein an einem Scheideweg, wie er sich eingestehen muss. Oder besser: wie ihm verständlich gemacht wird. Von einem fixen Kerlchen auf einem Baum über einem Fluss – wieder ein Traum.
Würde man Meisner als einzelne Figur lesen, wäre er ein dümmlicher, ziemlich naiver Pappkamerad. Besser kann man alle Figuren in dem Roman als Anteile eines individuellen Universums, als Teile eines Selbst, verstehen, denn dann werden Motive, Handlungen und Befürchtungen ausgelotet, wie sie eben vorkommen im Individuellen. Und nicht nur da.
Am Immer-Mehr, Immer-Größer, Immer-Mächtiger, am Gigantomanen wird die Frage nach dem gesellschaftlichen Wohin gestellt, es wird nach neuen Werten und Wegen gefragt. Konkrete Antworten bleiben uns erfreulicherweise erspart.

Stephan Kaluza entwickelt eine ganz eigene, mystische, traumhafte Welt, um die unsere zu beschreiben. Sprachlich mag der Roman nicht eben ein Juwel schriftstellerischer Meisterschaft sein. Er bespiegelt nicht die Sprache als Selbstzweck. Er hat Komisches, Verdrehtes, Absurdes und vor allem Wesentliches zu erzählen.



Montag, 3. März 2014

Nathan Larson



Nathan Larson, 
2/14: Ein Dewey-Decimal-Roman, 
Penser-Pulp-Reihe, Diaphanes, Zürich-Berlin, 2014, Übersetzung: Andrea Stumpf, Hrsg.: Thomas Wörtche, S. 255, 17,95 Euro





Dewey Decimal ist Bibliothekar in der New York Public Library, soviel weiß er. Sonst weiß er wenig von sich, nicht einmal seinen richtigen Namen. Er benutzt ein System, das Dewey Decimal System eben, eine Klassifikation zur Erschließung von Bibliotheksbeständen, um das Durcheinander zu ordnen. Ein höchst zweckmäßiges Ding, mit dem Dewey nicht nur dem Bücherchaos, sondern auch der urbanen Verwüstung beizukommen sucht.
Am Valentinstag ist New Yorks Architektur und Infrastruktur von nicht näher benannten „Begebenheit(en)“ zerstört worden. Inzwischen herrscht Sommerglut.

Metropolen wie NY werden ja gerne mal geschrottet. Literarisch. Seit 09/11 holt die Realität auf.

Paramilitärische Banden, staatlich eingesetzt oder kriminell organisiert, kontrollieren die stinkenden Straßen. Geplünderte Supermärkte und Malls, dagegen halbwegs intakte Museen. Kein Mensch braucht Kunst, wenn er nix aufm Teller hat, keine Bleibe, keine Sicherheit, keine Basics. Abgesehen von wenigen, die die Katastrophe für ihr kriminelles Unwesen nutzen und auf die Zeit hoffen.

Dewey jedenfalls hat einen kleinen Nebenjob beim obersten Staatsanwalt der Stadt, eine Tätigkeit zwischen Privat Eye und Profikiller. Von irgendetwas muss man schließlich leben angesichts des Mangels an ... allem. Außerdem bekommt er Pillen vom Staatsanwalt, die ihm gegen seine bevorstehende Dekompensation helfen, denkt er. Oder ist der suggestive Faktor die Droge? Seine Qualifikation bezieht Dewey aus seiner soldatischen Vergangenheit, einer, die durchaus in Frage steht, denn auf seine Erinnerung kann er sich nicht verlassen. Man hat irgendetwas damit gemacht, etwas implantiert, vielleicht im Militärkrankenhaus damals nach dem Einsatz in ... , vielleicht ...
Unsicherheit in ... allem.

Dem Chaos setzt Dewey sein System entgegen, er hat eine Art inneren Navigator, mit dem er sich durch die Straßen bewegt. Außerdem einen Zwang, dem er folgen muss: Händedesinfektion. 
Der Ekel als eher frühkindliches Phänomen kann nicht mehr zivilisatorisch kompensiert werden in Gegenwart von all dem Dreck und Gestank rundum. Daneben braucht er noch ein paar Übergangsobjekte. Einen Hut, einen Schlüssel, seine Beretta, seine Pillen, für die eigene Sicherheit. So ausgestattet wird er angeschossen, von einer Frau. Aber Glück im Unglück (Wer weiß, wie das ohne Übergangsobjekte ausgegangen wäre?) ist es nur das Knie. Der Staatsanwalt beschafft ihm ein neues. Frisch operiert flieht er aus dem Militärkrankenhaus, weil ihm das nicht geheuer scheint. Militärkrankenhauserinnerungen – falsche oder echte? Er rennt durch die Stadt auf der Suche nach ... Das weiß er nicht so genau. Ihn treiben verschiedene Mordaufträge. Seine konkurrierenden Auftraggeber chipen ihn vorsichtshalber zwecks Überwachung.

Während er Leichen aufs Dach schleppt mache ich mir Sorgen. Woher hat ein Mensch in solch einem schlechten Allgemein- und Ernährungszustand die Kraft dafür? Und wieso hindert ihn sein Knie nicht, oder nicht sehr, an seinen Aktivitäten? Ich denke an eine Prothesenlockerung, an eine Peronaeuslähmung (mit der Derwey nur noch durch NY stolpern könnte), an schwarze Zehen durch Arterienverschlüsse, ganz abgesehen vom Schmerz.
Aber nichts dergleichen. Naja, so Hard-boiled-Typen sind schon, ähm, hard boiled. Okay, ich glaube ihm. Er sagt ja auch: „Die Leute sind dumm, und wenn man ihnen eine plausible Geschichte präsentiert, wollen sie sie glauben. Weil die Leute nicht nur dumm, sondern auch faul sind und sich keine Zusatzarbeit aufhalsen wollen.“ 
Nun, Dewey nimmt sich selbst nicht aus, denn er glaubt, dass er die Frau beschützen müsse, die ihn ins Knie geschossen hat, was ihm allerdings jede Menge Zusatzarbeit einträgt.

Höchst plausibel sind Deweys Zwänge. Mit ihnen löst er den Konflikt zwischen erlernter (aktuell untauglicher) Moral und den momentan nötigen Regelübertretungen: Er bringt Leute um. Das ist nicht richtig.
Er tut das nicht als Soldat. Da muss das ja so. Sondern zu seinem Vorteil. Zu seiner Legitimation versucht er herauszufinden, wer von denen, für die er einen Mordauftrag hat, den Tod „verdient“. Soviel Moral muss sein. Nur kommt ihm bei der Recherche dauernd ein Bodyguard, eine Agentin oder ein Haufen Outlaws in die Quere, was ihm Mittelgesichtsfrakturen, Thoraxprellungen und eine ruinierte Garderobe einbringt. Um seine Anzüge sorgt er sich oft, setzt der Verwahrlosung so einen Standard entgegen, den er aus dem Davor mitgebracht hat. Die „Begebenheit(en)“ um den 14. Februar haben ein Davor und ein Danach geschaffen. Obwohl sich die Geschichte kaum explizit auf eine Vergangenheit bezieht (mit der Gegenwart hat Dewey genug an der Backe), blitzt die „Kultur“ und das Festhalten an ihr um des Menschseins Willen in solch scheinbar absurden Handlungen durchs Chaos.
Irgendwann kriegt Dewey eine gewisse Struktur in seine Aufträge und der folgt er. Auch in gutem Glauben ...

2/14 ist das Debüt von Nathan Larson und der erste Roman seiner Trilogie um Dewey Decimal. In dem erhellenden Nachwort positioniert Thomas Wörtche das Werk auf spannende Weise im Literarischen.
Hart, klar, kühl und sarkastisch wird die Geschichte erzählt. Doch daneben ist sie mit ihrem Scheitern und Weitermachen, ihren Albträumen und Intrusionen, ihrem Irren und Sehnsüchtigen, ihrem Rauen, Fraglichen und Fragilen wie ein Abbruchhaus auf Speed. Und ein Noir vom Feinsten!





Samstag, 22. Februar 2014

Gerhard Köpf





Gerhard Köpf, Das Glück beim Krähen füttern, Stories, eBook, Culturbooks Hamburg, 2014, S. 105, 4, 99 Euro


Wie in der Dunkelkammer, wenn sich im Schein des Rotlichts ganz allmählich die ersten Konturen auf dem Papier im Entwicklerbad zeigen, lesen sich die zehn Geschichten. Geduldig gespannt verfolgt man, wie sich Schattierungen vertiefen, wie Wolken, Schnee, Grabsteine, Diven, Clowns und Komödianten sich zu Bildern in Sepia fügen. Die Zeit in ihnen ist eine Größe, die im Fixierbad des 19. Jahrhunderts verhaftet scheint. Bis plötzlich ein Handy klingelt. Oder einer eine Rolle in einem Fantasyfilm bekommen soll. Oder Halloween ist. Grelle Flecken auf der Patina des Nostalgischen, während man die Fotografien zum Trocknen aufhängt. Doch die Geschichten trocknen nicht, sie bleiben fluide und transluzid, und erwarten, dass man ihnen Raum schenkt, damit sie sich entfalten können. Dabei sind sie durchaus ungemütlich.
Schauspieler, Zirkusleute, Tänzer wandeln durch sie hindurch. Es riecht nach Staub und Schweiß und Sägemehl.

Da ist der harte Kampf um eine Rolle in einem Theaterstück, in einem Film. Aber keiner will einen mehr haben, weil man längst zu alt ist. Leben muss man trotzdem. Und so nimmt man jeden miesen Job an, jede Demütigung hin für das harte Brot. Ginge es nur ums Brot, könnte man Taxi fahren oder Burger verkaufen. Aber es geht ums Überleben. Um Identität. Was ist ein Schauspieler, wenn er nicht spielt? Also wenn er seinem Wesen nach, ganz grundsätzlich Schauspieler ist. Wenn er Jahre damit verbracht hat Rollen zu studieren, sich einzufühlen in das Fremde, wenn eine Tänzerin, sich die Zehen blutig getanzt hat.

Man könnte diesen Wunsch nach Aufmerksamkeit als Eitelkeit abtun. Ist Eitelkeit ein vermeidbares Luxusproblem oder vielmehr eine Notwendigkeit, um dem Selbst eine Bedeutung, irgendeine, beizumessen? Oder besser: beimessen zu lassen.
Welchen Preis die Leute zahlen! Für eine Rolle, für den Applaus ...
Freiheit, Familie, Liebe ... Sie lassen auch schon mal Freunde, Partner, Kinder über die Klinge springen. Nicht absichtsvoll. Sie wissen es nicht einmal. Sie nennen es Schicksal. Wie die Tänzerin mit dem aufrechten Gang in der letzten Geschichte.
So etwas macht man nicht freiwillig. So etwas muss man müssen.

Da ist die Souffleuse mit dem Buckel und der Sehnsucht. Nach dem Unerreichbaren. Da ist „Salingers Witwe“, ein Mythos zwischen wucherndem Weizen und dem zwingenden Wunsch nach Abgrenzung. Da ist der alte Mime auf dem Friedhof, der einmal ein gefeierter Star war ...

Gerhard Köpfs Geschichten sind zauberische kleine Juwelen mit abgebrochenen Ecken. Sie nehmen sich Zeit. Sie beanspruchen Raum. Sie haben ein ganz eigenständiges Da-Sein. Sie zeigen das Wesen hinter der Rolle.




Dienstag, 18. Februar 2014

Zerschnittene Welt











Das Kohlendioxid aus den Perlchen, die in einer Flasche Champagner stecken, habe ich in einem winzigen Zylinder aufgefangen. Um es zu messen. (Wie viel Kohlendioxid ist in einer Flasche Champagner? So viel, wie in einer Expiration?) Übrig ist schales Hellgelb in einem Glas. Der Zylinder funkelt in der Sonne auf der Fensterbank. Ich sitze im Nachmittag und schneide die letzten Seiten aus einem Buch, das ich einmal sehr geliebt habe. Nicht dass ich es zerstören will. Ich liebe es immer noch. Ich muss nur wissen, wie Dinge gemacht sind. Das Licht zum Beispiel, das auf die Sätze fällt. Und die Worte, aus denen sie sind. Und was in sie hineingedacht wurde, bevor sie sich schwarz auf weißem Grund abbildeten. Und welchen Gedankenpfad der ging, der sie dachte. Ganz am Anfang ...

Meine Bierflasche öffnet sich mit einem Plopp. Ich wende die Seiten, trinke einen Schluck, und meine Schere trennt die Transzendenz heraus. Das Wort liegt neben einem Stück abgeblätterter Farbe. Daneben lege ich Grausamkeit. Ich muss sie zusammenpuzzeln. Aus den Buchstaben der Füllwörter. Die brauch ich eh nicht so.

Geschichten müssen einen Schluss haben. Anfang, Mittelteil, Schluss. Und dann beginnt eine neue. Wenn eine Geschichte keinen Schluss hat, muss man immer wieder auf Anfang zurück. Deswegen mache ich das. Damit etwas neu beginnen kann. Anfangs war die Geschichte ja neu. Ich wusste nicht, wohin sie führen würde, schön war sie und leicht. Sie kam ganz fröhlich und glitzernd daher. Aber irgendwann hat sie sich verloren, ist zwischen Nein und Nichts stecken geblieben. Und nun fehlt der Schluss, den ich brauche.

Draußen geht der Nachbar vorbei. Er ist Pole und ein netter, dicker Mann. Ich proste ihm zu. Er sagt, dass die neuen Hühner ganz kleine Eier legen, und lacht.
Das Huhn und das Ei. Ich weiß gar nicht, was die Leute immer damit haben. Natürlich war das Huhn zuerst da, weil es einen Namen bekam. Huhn. Kein Mensch würde eine Spezies nach ihrem Ei benennen. Also das Huhn. Es hat einen Namen, ein Wort. Also ist es da.

Alles das kein Wort hat, ist nicht da.
Wie der Schluss von dieser vermaledeiten Geschichte.

Meine Schere hat wieder ein Wort exzerpiert. Wahrheit. Aber das zerschneidet sie sofort. Glaub ich sowieso nicht.
Weil ich nix glaube.
Hoffe ich.
Nur Schneewittchen glaub ich. Als ein Zwerg zu ihr sagte, traue niemandem (er tat das im allerbesten Wollen), sagte sie, wie kann ich leben, wenn ich keinem trauen kann? Da hat sie recht. Es ist riskant, keinem zu trauen, genauso wie umgekehrt. Im ersten Falle zahlt man mit Angst, im zweiten mit ... ist unterschiedlich. In Schneewittchens Fall mit dem Tod, also wenn die Geschichte nicht doch noch einen guten Schluss gehabt hätte, der letztlich auf Vertrauen beruht. Aber das ist ja ein Märchen.

Jetzt habe ich Evolution. Evolution ist gut. Die heb ich auf. Die kann man noch mal brauchen. Sie hat auch kein Ende, zumindest nicht so fix.
Ein Ende muss eine Geschichte auch nicht haben, das kommt früh genug und geht nie gut aus.

Mein Bier ist alle und der Nachmittag neigt sich zur Nacht. Das Grün auf den Feldern dunkelt nach.

Gewalt finde ich. Die lasse ich auch ganz. Die gibt‘s immer und überall drin.
Und wenn ich sie so hin und her wende ... 

(Ich kippe den Champagner, der keiner mehr ist, aus dem Fenster, sichere den winzigen Zylinder mit nichts, oder fast nichts drin, trinke mein Bier aus. Ja, ich mag Bier lieber als Champagner. Klopfe Schneewittchen auf die Schulter. Ja, ich traue Leuten, mit Risiko und allem. Sammle die Schnipsel vom Buch ein, das ich immer noch liebe. Und werfe einen letzten Blick auf die schwarzgrüne Weite da draußen.)

Und nun ...
muss ich wieder auf Anfang zurück.